Die letzte Nacht war unruhig.
Die Sorge um meine Mutter trieb mich doch mehr um als mir lieb war. Eine neue Hüfte muss her. Und weil sie schon so früh in der Klinik sein muss, übernachte ich bei ihr.
Am Morgen kommt sie fröhlichpfeifend auf ihrer Hühnerstiege hinunter, wo ich auf dem Sofa liege und sagt, sie sei gut drauf. „Erstaunlich“ schiebt sie hinterher.
Als ich sie dann in ihrem OP-Kleidchen in ihrem Zimmer zurücklasse, ist mir flau im Magen. Ich fahre mit unserem gemeinsamen Auto in den Duvenstedter Brook, wo mich ein kleiner Glückspilz genau zu dem Zeitpunkt anlacht als sie in den OP Saal geschoben wird.

Um 13.48 Uhr bekomme ich dann ihren Anruf. Sie klingt so als wäre sie aus ihrem Mittagsschlaf erwacht. Wie glücklich bin ich und verbreite die frohe Kunde an Familie und Freunde.
Meine Mutter wird im November 88. Und sie ist wahrlich unser Familienoberhaupt. Wer hier häufiger mitliest, kommt an ihr einfach nicht vorbei.
Unsere Beziehung ist wahrlich innig und besonders. Wir teilen unseren Sinn für Ästhetik, Sprache, Kunst und kennen uns wohl wie kaum andere Menschen.
Glücklicherweise hat Antje – neben uns Kindern und Enkeln einen großen Freundeskreis, was mir auch gerade in diesen Tagen bewusst wird.
WIR KOSTBAR.
Und enorm inspirierend, weil sie geistiges Futter braucht. Ich finde sie zwischen Lesen, Malen, Zeichnen, Austausch und …YouTube.
Letzten Samstag waren wir bei ihrer Freundin Marion, die seit 25 Jahren Holzskulpturen schnitzt, über die ich wirklich nur staunen konnte. Ihre gesamte Wohnung – Ausstellungsfläche – eine Gallerie nebst ihrem Atelier, wo sie Holzstümpfe bearbeitet.
Schaut Euch das bitte an. Ich konnte meinen Mund gar nicht mehr zu bekommen.


Marion war eine Arbeitskollegin von meinem Großvater. Ihr ahnt, daß sie schon eine Weile Freundin der Familie ist. Und ich war so so dankbar, daß ich mitgekommen bin an diesem Samstag, um ihre Werke und die beiden Mit- und End-Achtzigerinnen zu bezeugen.
So viel Freude, die beide an der Kunst haben. Marion schilderte sehr genau, wie sie an ihre Werke herangeht. Sie sprach davon, hemmungslos fantasievoll zu sein. Nichts als vorgegeben zu sehen. Ideen auch über den Haufen zu werfen und ganz neu herangehen. Es hat mir so sehr gefallen.
Und „Mami“ auch.
Es war die beste Geistesbetankung, die wir tun konnten, um sie auf diesen körperlichen Eingriff und die Zeit der Regeneration vorzubereiten.

Heute einen Tag später ist sie noch etwas benebelt. Doch wo ihr Lippenstift ist – das weiß sie.



